Kolumne 1 - Nordic Walking!

Haben Sie nicht auch schon geschmunzelt über die immer zahlreicher werdenden Nordic Walker? Die mit den Stöcken. Wir als Läufer stehen ja drüber, sind die Puristen. Laufen pur nämlich, alles andere ist doch neumodischer Kram. Oder?

Naja, auf der einen Seite bin ich ja auch seit über 20 Jahren begeisterter Läufer, aber meine Erfahrung hat auch gezeigt, dass Alternativsportarten nicht nur Spaß machen, sondern auch sehr effektiv sein können wenn es zum Beispiel um die Themen Prophylaxe und Leistungssteigerung geht. Nehmen wir doch mal das Beispiel Aquajogging. Mitte der 80er Jahre habe ich während meines Studiums in den USA die ersten Erfahrungen damit gesammelt. Mein Mit-Student, Abdi Bile aus Somalia (1500m Weltmeister 1987 in Rom), war oft verletzt und hat manchmal über Wochen sein komplettes Trainingsprogramm im Wasser durchgeführt. Wenn 20x400m auf dem Programm standen, wurde eben 20x eine Minute im Wasser intensiv gelaufen, mit der entsprechenden Pause. Genauso verhielt es sich mit den Dauerläufen. 60 Minuten im Freien, bedeuteten 60 Minuten im Wasser. Ein paar Tage „Landgewöhnung“ und er hatte nichts von seiner Form verloren. Als ich das in Deutschland weiterführte, war das völlig neu und ich wurde dementsprechend ausgelacht von meinen Laufkollegen. Wie das immer so ist, waren einige dieser Kollegen ein paar Wochen später auch im Wasser. Einer meiner großen Konkurrenten hat das dann auch regelmäßig in sein Trainingsprogramm eingebaut. So kann das gehen mit „neumodischen“ Trainingselementen.

Ein paar Jahre später passierte wieder etwas Ähnliches. Viele kennen aus Ihrer Jugend sicherlich noch das bekannte Zirkeltraining in der Herbst- und Winterzeit. Als mein Leistungsniveau Mitte der 90er Jahre stagnierte, diskutierte ich mit meiner Frau über mein angeblich zu „lasches“ Training. Ich glaube nicht, dass 160-180 km pro Woche zu lasch sind, aber sie sagte, dass ich zu wenig Kräftigung machen würde. Als ich das Wort Kräftigung hörte, dachte ich sofort an Muckibude und Hanteln. Aber wenn ich mehr Muskeln habe, muss ich die Extra-Kilos ja zusätzlich um die Bahn schleppen, ergo langsamere Zeiten. Sie erzählte mir aber von Athletik-Training, dass viele Läufer zu DDR-Zeiten durchgeführt haben vom Herbst bis zum Sommer, bis kurz vor den Saisonhöhepunkt. Ein Zirkel der auf die Kraftausdauer abzielt, abwechselnd Beine, Arme, Bauch, Rücken stärkt, ohne Pausen und bis zu 60 Minuten lang. Ein Versuch ist das wert dachte ich mir und fing mit einem Durchgang à 15 Minuten an. Nach zwei Tagen ächzte und stöhnte ich bei jedem Laufschritt und verfluchte die achso gute Idee. Aber ein Langstreckler gibt ja nicht so schnell auf, auch wenn wir Läufer häufig die Tendenz haben uns wehleidig über unsere Wehwehchen zu äußern. Nach ein paar Monaten fleißigen Trainings und Getuschel der Mitkonkurrenten, waren die Trainings- und Wettkampfzeiten so gut wie nie zuvor. Ob die „Konkurrenz“ das dann auch in ihr Trainingsprogramm eingebaut hat? Dreimal dürfen Sie raten…

Wenn Sie das nächste Mal Nordic Walker sehen, dann denken Sie mal darüber nach, ob das nicht ein effektives Alternativ-Programm zu Ihrem Lauf-Training ist. Und wenn Sie damit anfangen, dann lassen Sie sich durch das Schmunzeln anderer nicht irritieren. Das sind die, die das insgeheim machen möchten, sich aber noch nicht trauen.

RUNNING Ausgabe Mai 2005

Nordic Walking