Kolumne 3 - Geduld

Stimmt’s? Sie sind immer geduldig und können in Ruhe alles abwarten, oder Dinge gelassen hinnehmen. Ich predige auch immer Geduld in meinen Vorträgen. Doch als halber Franzose fällt mir das immens schwer. Wer einmal meine Mutter, waschechte Pariserin, erlebt hat, glaubt nicht, dass ich mal Langstreckler war und mich in Geduld üben musste. Naja, wahrscheinlich ist „üben“ genau die richtige Formulierung. 25 Runden bei einem 10.000m Lauf und möglichst nicht auf die Rundentafel blicken, zumindest so lange nicht bis sie einstellig ist, oder 42,195 km geduldig nach Plan laufen auch wenn sich man sich nach ein paar Kilometern wie ein „junger Gott“ fühlt. Eigentlich habe ich ja eher eine Sprintermentalität, möglichst schnell zum Ziel kommen. Aber durch das Ausdauertraining habe ich das Wörtchen Geduld ganz bewusst (kennen-)gelernt. Es ist wirklich etwas dran an der Formulierung, „man wird zum Sprinter geboren“. Jetzt will ich nicht behaupten, dass Sprinter faul sind und nicht trainieren. Nein, aber der gute Ausdauersportler kann sich mit viel Geduld und Arbeit weit nach oben laufen. Physiologisch gesehen, kann man schnelle Muskelfasern (fast-twitch muscles) durch Ausdauerarbeit in langsame (slow twitch muscles) umwandeln. Umgekehrt geht das so gut wie gar nicht.

Wer also geduldig an sich arbeitet, der kann sich, so er denn auch mit Köpfchen und nicht zu intensiv trainiert, peu à peu verbessern. Wie weit, werden Sie fragen. Das hängt natürlich von einigen anderen Faktoren ab. Hat der Athlet die physiologischen Vorraussetzungen, gemeinhin mit Talent grob umschrieben, aber meiner Meinung nach völlig unvollständig. Denn Lungenkapazität, oder Muskelstruktur sind nicht die einzigen Bausteine die Talent ausmachen. Da fehlen noch die orthopädischen Strukturen, hält der Bewegungsapparat die steigenden Anforderungen aus? Und last but not least, ist auch die psychologische Komponente ganz wichtig, oft auch mit Willen beschrieben. Aber ich denke, dass auch hier ein größeres Spektrum dazugehört. In der deutschen Leichtathletik hat es in den vergangenen Jahren nicht an so genannten Talenten gemangelt die bei Junioren Europa-oder Weltmeisterschaften Medaillen gewonnen haben, aber die man dann ein paar Jahre später nicht mehr auf der bahn gesehen hat. Warum nicht? Tja, aus den oben genannten Gründen. Im Junioren-Alter kann man das eine oder andere Defizit noch kompensieren, aber später im Vergleich mit der absoluten Weltklasse ist das nicht mehr möglich.

Was hat das jetzt alles mit Geduld zu tun? Man muss gerade im Ausdauersport einen langen Atem haben. Das heißt auch mal Durststrecken überstehen, wenn es nicht ganz so gut läuft, man verletzt ist, es im Studium schlecht läuft, oder vielleicht auch familiär Stress hat. Wichtig sind immer an sich zu glauben und ein festes Ziel zu haben. Das wird Ihnen bestimmt auch passieren, dass Sie denken, oh Mann, den Marathon schaffe ich nie, wenn sie mal krank waren, es im Job nicht lief und sie keinen Bock auf das Training hatten, oder Sie soviel zu tun hatten, dass Sie das eine oder andere Training ausfallen lassen mussten.

Diese Diskussion hatte ich Anfang März auch mit Hera Lind (die Bestseller-Autorin) und ihrem Mann, die ich auf den Karstadt Ruhr Marathon vorbereitete. Für beide die Marathon-Premiere. Es lag soviel Schnee in ihrer Wahlheimat Österreich, dass sie manchmal anstatt fünf Mal pro Woche laufen, „nur“ viermal laufen konnte. Aber die beiden machten seit vielen Wochen schon lange Dauerläufe, die Basis für den Marathon, hatten schon erfolgreich einen Halbmarathon absolviert und zu guter letzt waren die Testergebnisse bei einer Leistungsdiagnostik viel versprechend. In der Woche vor dem Marathon erkältete sich Hera Lind, worauf ich ihr riet, vorsichtshalber nur den Halbmarathon zu laufen. Bitte nichts übers Knie brechen, der nächste Marathon kommt bestimmt. Sie hatte einen Riesen-Spaß, rannte die erste Hälfte mit ihrem Mann Engelbert, der dann durchlief und seinen ersten Marathon in 4:07 std. absolvierte. Beide waren zu Recht stolz auf ihre Leistung und es zeigte sich wieder einmal, dass man mit Geduld und Fleiß immer zum Ziel kommt.

RUNNING Ausgabe Juli 2005

Geduld