Kolumne 4 - Hasen

Bei den zahlreichen Leichtathletik-Meetings im Sommer konnte man sie bei der Arbeit sehen, die so genannten Hasen oder auch Tempomacher genannt. Es ist wird ja kontrovers darüber diskutiert, ob sie wirklich hilfreich sind oder nicht. Meiner Meinung nach brauchen wir nicht darüber zu diskutieren. Bei einer Geschwindigkeit von knapp 24 km/h bei einem 5.000m Lauf sprechen die physikalischen Gesetze, der Windschatten, für einen oder zwei Tempomacher. Viel extremer ist es natürlich beim Radfahren, das konnte man bei der Tour de France beobachten. Eine Ausreißergruppe hat gegen ein großes Feld, wo sich viele oft ablösen können bei Geschwindigkeiten von 45-50 km/h, keine Chance, der Kraftverlust ist zu groß. Bei den Weltrekordversuchen muss alles stimmen, denn die Rekorde sind schon sehr sehr hoch, so dass alles stimmen muss, d.h. der Athlet darf unterwegs nicht zuviel Energie vergeuden. Wenn Sie die Wirksamkeit trotzdem in Frage stellen, dann versuchen Sie doch mal selbst bei einem Ihrer nächsten Läufe hinter einem Athleten oder Pulk zu laufen für ein paar Kilometer, natürlich ohne ihnen in die Hacken zu treten… Und dann scheren Sie aus und laufen alleine „im Wind“. Sie werden den Unterschied ganz schnell merken. Kleiner Tip: Wenn Sie in der Gruppe laufen, dann wechseln Sie sich doch alle ab, damit alle etwas davon haben und der Effekt größer ist. Sonst wird man Sie schnell als „Hinterrad-Lutscher“ bezeichnen, so wie das beim Radfahren üblich ist, wenn sich jemand nicht an der Führungsarbeit beteiligt.

In den 90er Jahren hatte ich manchmal das Glück, naja, manchmal auch das Pech, in vielen Weltrekord-Rennen dabei zu sein. Die Frage die sich immer stellte wenn man die geplanten Durchgangszeiten hörte war, geh’ ich jetzt vorne mit oder laufe ich mein eigenes Rennen. Ich habe mich fast immer für das Risiko entschieden mitzugehen. Bis 3.000m ging das meistens gut, aber dann liefen vorne Haile Gebrselassie oder Moses Kiptanui Ihr eigenes Rennen gegen die Uhr und dahinter fand sich entweder ein Grüppchen versprengter Läufer oder ich lief mein eigenes Rennen. Es sind ab 3.000m zwar „nur“ noch 5 Runden, aber wenn man da schon schwere Beine hat, dann kann der Weg bis ins Ziel noch gaaaaanz lang und mühselig werden. Ich denke, dass man ruhig das Risiko wählen sollte, weil man sonst nicht seine Grenzen ausloten kann. Barrieren setzt man sich zumeist im Kopf und da hilft es oft diesen „abzuschalten“, nicht auf die Zwischenzeiten hören und einfach im Sog mitlaufen. Das kann natürlich auch mal schief gehen, aber wer es nicht versucht, wird auch nicht an seine Leistungsgrenzen herangehen können. Aber ich möchte betonen, dass das vor allem für Wettkämpfe bis 10km gilt. Bei Marathonläufen ist es viel wichtiger sein eigenes Tempo zu laufen. Denn wer dort zu schnell angeht, der hat am Ende nicht viel Spaß oder kommt gar nicht ins Ziel. Die bittere Erfahrung hab’ ich auch schon mal machen müssen. In London 1997 sollte der Weltrekord attackiert werden, d.h. eine Halbmarathonzeit von 63 Minuten war angepeilt. Vor die Frage gestellt, Mitgehen oder eigenes Rennen, entschied sich der „im Kopf noch Bahnläufer-Franke“ für Mitgehen und ich lief die erste Hälfte mit der Spitzengruppe in 1:03:25 std. durch. Bis 28km ging das auch gut, aber dann kam der berühmte „Mann mit dem Hammer“. Krämpfe schüttelten mich, bei Km 33 liefen wir direkt am Athletenhotel vorbei und es gab einen Diskurs zwischen Engelein und Teufelein. „Hör’ auf, Dein weiches Bett wartet; Du kannst in Ruhe duschen oder ein schönes Bad nehmen…“ – „Mach’ weiter, es sind nur noch 9km; wozu hast Du monatelang über 200km die Woche trainiert; Aufgeben ist etwas für Weicheier…“ Der Spruch „Quäl Dich Du Sau!“ von Udo Bölts an Jan Ulrich gerichtet im Sommer 1997 bei der Tour de France wäre hier auch passend gewesen. Als Neunter kam ich ins Ziel mit 2:11:26 std., neuer Bestzeit, aber die zweite Hälfte in 1:08:01 std. gelaufen, sagt eigentlich alles. Aber hätte, wenn und aber nützen nichts – gehen Sie Ihr nächstes Marathonrennen lieber konservativ an und lassen Sie sich nicht von Ihren Mitstreitern beeinflussen. Dann haben Sie bestimmt viel mehr Freude!

Ihr Stéphane Franke - RUNNING Ausgabe 09/2005

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