Kolumne 5 - Verlieren

Verlieren will gelernt sein. Das erlebe ich zurzeit an unserer Tochter Anouk. Ihr neuestes Hobby ist „Mensch Ärger Dich Nicht“ zu spielen. Jeden Tag will sie mindestens einmal spielen und wenn sie gewinnt, dann ist die Welt in Ordnung. Wenn sie verliert? Tja, das war bei den ersten Spielen ein regelrechtes Drama. Tränen flossen, das Spielbrett wurde umgeworfen, es spielten sich dramatische Szenen ab. Sie grinsen? Sie lachen? Erinnern sich vielleicht an Ihre eigene Kindheit? Ok, ich übertreibe ein wenig, aber in den Augen einer Vierjährigen war es dramatisch. „Ich will gewinnen!“, „Ich will Erste sein!“ „Nun ja, Anouk“, sagte ich zu ihr, „man kann nicht immer gewinnen und es ist nicht schlimm auch mal ein Spiel zu verlieren“. Mit vier Jahren versteht man Elterliche Erklärungsversuche noch nicht so ganz, auch wenn man die „Kleinen“ und ihre Cleverness nicht unterschätzen sollte. Aber es besserte sich merklich mit einer kleinen „Erpressung“ und Erklärung: „Ich finde es nicht schön, wenn das Spiel umgeworfen wird und du anfängst zu schreien, weil du verlierst und deshalb möchte ich morgen nicht spielen! Zweiter oder dritter Sieger zu sein ist auch schön und zusammen spielen ist das Wichtigste!“ Konsequent daran gehalten – kein Spiel am nächsten Tag - gab es am übernächsten Tag, trotz Spielsieg meiner Frau, keinen Aufstand unserer Tochter. Nun gut, ein Zähneknirschen konnte sie sich nicht verkneifen und sie bekam auch eine Revanche, wo sie prompt gewann. „Siehst du, nicht aufgeben, irgendwann klappt es“, sagte ich zu ihr.

Verlieren will gelernt sein. Denn die Wahrscheinlichkeit in einem Wettkampf zu verlieren ist relativ hoch. Ich erinnere mich noch an einen Spruch meines Coaches an der Uni in den USA: „For every winner there are dozens of loosers. The odds are that you are one of them“ Für jeden Sieger gibt es Dutzende Verlierer, die Wahrscheinlichkeit ist, dass du einer von ihnen bist. Das hört sich auf den ersten Blick hin kalt an, soll es aber nicht sein. Natürlich will man gewinnen, aber viel wichtiger ist es, sich persönliche und vor allem realistische Ziele zu setzen. Zu meiner aktiven Zeit gab es unter anderem Läufer namens Haile Gebreselassie und Paul Tergat. Wenn es nur um das Gewinnen geht, hätte ich mein Karriere sofort abbrechen müssen. Aber es ging mir vor allem darum meine persönlichen Grenzen auszuloten. Aber natürlich hatte ich Träume auch mal ganz vorne zu sein, denn diese helfen uns über Grenzen hinwegzuspringen. Im Training härter zu arbeiten, sich nicht hängen zu lassen um das Optimum auszuschöpfen.

Der Marathon beweist immer wieder, dass man kein Verlierer ist, wenn man zum Beispiel als 4439. ins Ziel kommt. Es kann ja nur einer als Erster ins Ziel kommen, aber jeder, der die 42,195 km absolviert, ist ein Gewinner. Der Stolz das Training absolviert zu haben, um diese Strecke durchzustehen, die Nervosität zu Beginn, der Kampf auf der Strecke, die Höhen und Tiefen durchleben, der Genuss den Zielstrich zu überqueren. Die vielen Wochen Vorbereitung sind das Wichtigste, der Marathon ist dann „nur“ das Sahnehäubchen. Und wenn es mal nicht wie geplant läuft? Machen Sie es wie meine Tochter. Es gibt eine Revanche, eine neue Chance.

Ihr Stéphane Franke

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