Kolumne 9 - Mentales

Manchmal ist der „Kopf“ den gut trainierten Beinen im Weg. Was hält uns davon ab, in unserer Lieblingsdisziplin, beispielsweise dem Laufen, sportlich erfolgreich zu sein? Warum können wir manchmal unsere Leistung im Wettkampf nicht abrufen, auch wenn wir perfekt trainiert haben? Da spielt es keine Rolle ob jemand vierzehn oder dreimal die Woche trainiert.

Ich litt selbst lange Zeit unter Konzentrationsschwäche. Vor einem Wettkampf habe ich nahezu alles wahrgenommen, was um mich herum passierte: Ich betrachtete die Gesichter der Zuschauer, las Transparente, beobachtete meine Konkurrenten, hörte dem Stadionsprecher zu und registrierte sogar die Geschmacksrichtung des Eishörnchens, das ein Kampfrichter gerade spazieren trug. Von „Fokussierung“ auf das Wesentliche – nämlich meinen Lauf und sonst nichts – war ich meilenweit entfernt. Anfang der neunziger Jahre entschloss ich mich deshalb, mit einem Sportpsychologen am Olympiastützpunkt in Stuttgart zusammenzuarbeiten, der mir unter anderem autogenes Training und das Visualisieren beibrachte.

Die neuen Techniken habe ich nach den Olympischen Spielen 1992 das erste Mal erfolgreich angewandt und ist auch heute, außerhalb des Sportes, ein fester Bestandteil. Sehr viele Athleten beherrschen eine Entspannungstechnik und/oder arbeiten mit Visualisierung. Ich konnte mich schließlich so gut konzentrieren, dass ich vor einem Rennen mühelos alle möglichen Rennverläufe mitsamt ihren taktischen Varianten durchgespielt habe. Ich begann damit schon Monate vor dem Wettkampf und war bei Dauerläufen im Training so entrückt, dass ich gar nicht mitbekam, dass wir längst schon zu Hause waren oder Diskussionen in der Gruppe völlig an mir vorbeiliefen.

Im Verlauf der Jahre habe ich gelernt, dass ich nur ein bestimmtes Reservoir an mentaler Energie habe, das ich sehr sparsam verwenden muss. Mit den erlernten Entspannungstechniken und gezielter Fokussierung gelang es mir, eine ausreichende Menge an Energie für den Saisonhöhepunkt bereitzuhalten. Das bedeutet auch für Sie: Machen Sie sich nicht vor jedem Wettkampf verrückt. Ist es ein Halbmarathon oder 10-km Lauf zur Vorbereitung, dann gehen Sie ganz gelassen an den Start. Das große Ziel ist entscheidend, da brauchen Sie alle Ihre mentale Energie.

Spielen Sie den Ablauf des Rennens im Kopf mehrmals durch. Wann und wie erfolgt die Verpflegung, z.B. bei einem Marathon. Oder: Wo ist der Start? Wie sieht die Strecke aus? Was passiert, wenn ich mich warmgelaufen habe? Alles, an das Sie bereits vor dem Rennen ausführlich und bildlich gedacht haben, wird Sie am Tag des Rennens nicht mehr belasten. Sie können nun alle Energie auf Ihren Lauf konzentrieren und verlieren keine Kraft durch unnötige Gedanken.

Ihr Stephane Franke

Mentales